der geballte Hirnfasching
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Eine Gilde zu leiten heißt sie zu analysieren
25. Jul
Auf die ursprüngliche Idee zu diesem Beitrag bin ich durch Yitus Blogpost Sag mir mit wem aus der Gilde/Corp Du verkehrst und ich sage Dir wie lange Du (noch) drin bleibst, der wiederum auf dem Artikel “Spiele als Datenkrake” in der CT Ausgabe 16, Seite 86, aufbaut. Nach der ausführlichen Studie möchte ich nun die These “Eine Gilde zu leiten heißt sie zu analysieren.” kurz erörtern. Natürlich liegt es dabei nahe, dass ich als Beispiel die Gilde Jianji nutze, deren Leiter ich bin. Aufgrund der Komplexität dieser Problematik untergliedere ich das ganze in verschiedene Punkte:
Die Struktur der Gilde:
Jianji ist eine spielerisch sehr gemischte Gilde. Den Kern bildet ein, etwa aller 6 Monate teilweise durch rotierender, Kreis von Core-Gamern. Dieser macht im Regelfall ungefähr 20 bis 40 % der Gesamtmitglieder aus - der Wert schwankt je nach Patch-Situation und Jahreszeit. Den Rest bilden die nachfolgenden Spielertypen:
- Casual-Gamer mit dem Hauptaugenmerk: “Ich komm online, ich will ne Runde ohne Stress zocken.”
- ehemalige Core-Gamer, die sich etwas zurück nehmen wollen
- Einsteiger, die ihren Platz in der Gilde finden wollen
Die Anzahl an Gruppen ist sehr stark von der Core-Gamer Minderheit abhängig, da der übrige Teil im Regelfall zwar bereit ist in Gruppen mit zu spielen, dabei allerdings auf Angebote hingewiesen werden muss. Eigeninitiative im eigentlichen Sinne findet man hier eher seltener.
Aktivität der Gilde
Grundsätzlich sortieren wir inaktive Mitglieder nach vier Wochen Inaktivität aus, wobei dies aktuell durch die Transition verzerrt ist. Da jedes Mitglied sich auf unserer Website registrieren muss, kann ich die jeweilige Anzahl an Spielern in der Gilde sehr genau sagen: 84
Durch die Verzögerung vor der Inaktiv-Markung muss hiervon jedoch ein prozentualer Anteil abgezogen werden. Erfahrungsgemäß hat sich dabei eine Indikation bewährt. In Normalsituationen verlassen zwischen 5 und 15 % der Mitglieder die Gilde monatlich aus unterschiedlichen Gründen. Um die Anzahl der “real” existierenden Mitglieder zu schätzen, müssen die nachfolgenden Parameter eingerechnet werden:
- Jahreszeit
- Anzahl an Neu- und Wiederaufnahmen
- Beiträge im Forum (verhält sich proportional zur Aktivität der Gilde)
- Beteiligung an Gildenevents
Die jeweilige Jahreszeit ist ein sehr wichtiger Faktor in der Aktivitätsplanung. Computerspiele profitieren generell von schlechtem Wetter / Jahreszeiten. Jianji ist eine Feierabend-Spieler Gilde und aus diesem Grund sind unsere stärksten Tage von der Beteiligung her Montag, Dienstag und Mittwoch. Am schwächsten Fällt die allgemeine Beteiligung Samstags aus.
Vernetzung innerhalb der Gilde
Wir verzichten bei Jianji bewusst auf die Bildung von Stammgruppen innerhalb der Gemeinschaft, da unsere Erfahrung gezeigt hat, dass hieraus sehr schnell erfolgsabhängige Splittergruppen entstehen. Ist man in den maßgeblichen Aspekten des Spiels vorne mit dabei, wird dies keine Probleme verursachen, jedoch sind die entstehenden Unstimmigkeiten in Tiefphasen umso verheerender, verlassen diese Splittergruppen doch im Regelfall gemeinsam die Gilde. Viele neue Gildenmitglieder kommen über Werbung von Freunden in die Gilde und haben somit bereits einen Anker, was die Integration vereinfacht. Durch die wöchentlichen Gildenaktivitäten an denen jeder Spieler der online ist teilnehmen muss (Raidpflicht bei Anwesenheit) entsteht jedoch im Regelfall schnell eine Bindung zur Gemeinschaft. Wenn es hart auf hart kommt, dann zählen zum überwiegenden Teil jedoch die sozialen Bindungen, die bereits vorher bestanden haben. Der Austritt von Core-Gamern führt dabei im Regelfall zum Austritt von durchschnittlich 3-4 weiteren Mitgliedern innerhalb der nächsten 4 Wochen.
Daraus resultierende Probleme
Wir müssen bei Jianji stetig für einen Strom an neuen Mitgliedern sorgen um die immer während auftretenden Verluste zu kompensieren. Aus diesem Grund ist der allgemeine Aufbau der Gilde sehr freundlich für neue Mitglieder ausgerichtet. Viele der Mitglieder sind es gewohnt, Neulinge in die Grundlagen des Spiels ein zu führen und es gibt keine Anfängerfrage, die nicht bereits 100 mal in aller Ausführlichkeit beantwortet wurde. Diese Ausrichtung hat jedoch leider auch zur Folge, dass besonders sehr erfahrene Spieler mit hohem Rufrang ihr Verhalten ändern und sich aus der Gemeinschaft zurück ziehen. Erste Anzeichen dafür sind meist:
- verminderte Aktivität auf dem Gilden-TS
- vermehrte Bildung von 6er-Gruppen ohne wechselnde Belegschaft
- verminderte Teilnahme an Gildenaktivitäten
- bewusstes twinken außerhalb der Gilde
Meist beginnen diese Mitglieder die bestehenden Strukturen im staken Maße zu hinterfragen, während sie gleichzeitig ihr soziales Netzwerk verkleinern.
Schlussfolgerung für die Gilde
Wird eine Abkapselung von der Gilde nicht frühzeitig erkannt, resultiert dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einem Austritt aus der Gemeinschaft. Der Wegfall von Gildenmitgliedern ist jedoch immer zu einem gewissen Grad einkalkuliert und wird erst bei mehreren parallelen Austritten innerhalb kürzester Zeit problematisch. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass große Strukturen, die in die individuelle Spielausrichtung eingreifen, bei Spielern die “an die Hand genommen” werden wollen sehr gut ankommen. Allerdings vor allem für langjährige Spieler unkomfortabel sind und daher Probleme verursachen.
Letztlich ist es wichtig, eine gewisse Aktivität in der Gilde zu fördern. Dabei sollte jedoch genau darauf geachtet werden, dass die Spieler nicht überfordert werden. Bei Jianji schwankt die Menge an Gilden-KT Abenden zwischen einem und zwei in der Woche. In “langweiligen” Zeiten und wenn die Gemeinschaft gestrafft werden muss ist es wichtig, viele Aktivitäten zu veranstalten, was allerdings nach spätestens 3-4 Wochen wieder durch eine Phase von wenigen Veranstaltungen ausgeglichen werden muss. Dies gibt den Spielern die Möglichkeit, sich wieder freier zu entfalten und nicht all zu schnell “übersättigt” zu sein.
Zur Anwerbung von Mitgliedern lohnt es meiner Erfahrung nach übrigens überhaupt nicht, aller 10 Minuten den Gebiets und Ratschlagschat mit Membergesuchen zu zu spammen. Dadurch erhält eine Gilde recht schnell einen negativen Stempel und Spieler entscheiden sich sogar bewusst gegen diese. Zielgerichtetes Marketing ist hier deutlich effektiver. Aktivität ist die beste Werbung für eine Gilde. Sieht man dann viele gildenlose Spieler im Umkreis der eigenen Spielerschaft, kann man gezielt mit einem einzelnen kurzen Hinweis auf sich aufmerksam machen. Als Faustregel gilt dabei:
Wenig, dafür aber zielgerichtete Werbung + hohe Präsenz beim versenden der Nachricht = Interesse
Nehmen wir hier ein kurzes Beispiel:
Man ist mit einem Gilden-Kriegstrupp inmitten einer Belagerungsschlacht um eine Burg und erblickt viele gildenlose Spieler. Aus diesem Grund beschließt man, eine kurze neutrale Nachricht im 1er Chat zu posten. Der Spieler ließt diese Nachricht, nimmt die vielen Spieler der Gilde wahr und schließt daraus auf eine hohe Aktivität und eine starke Gemeinschaft.
Wenn man viele Ressourcen in neue Mitglieder setzt, ist es jedoch wichtig eine gewisse Vorsortierung vor zu nehmen. Aus diesem Grund erwarten wir bei Jianji eine kleine Bewerbung. Allein die Bitte um das ausfüllen dieses kleinen Fragebogens führt schon zu einem Abschreckungseffekt der es einem ermöglicht, sich den ernst gemeinten Bewerbungen viel besser zu widmen. Diese sollten jedoch immer das Gefühl haben, ernst genommen zu werden. Eine totalitäre und intransparente Behandlung von Interessenten schreckt diese nur ab. Aus diesem Grund setzen wir sehr auf Offenheit und versuchen Mitglieder auf die Risiken und Nebenwirkungen einer Zugehörigkeit in unserer Gemeinschaft bereits vorab hin zu weisen.
Diese Schlussfolgerungen wären jedoch alle samt nicht möglich, wenn man die unterschiedlichen Aspekte der sozialen Gruppen innerhalb der Gemeinschaft nicht im Blick hat. Eine Anpassung kann immer nur auf Grundlage der Ausgangssituation erfolgen. Um dabei über “harte” Daten zu verfügen ist es wichtig, eine eigene Kommunikationsplattform für die Gilde zu besitzen, die entsprechend durch die zur Verfügung gestellten Inhalte auch angenommen wird. Dies trägt außerdem zur Zufriedenheit in der Gemeinschaft bei und bindet die Spieler durch gewohnte Organisationsstrukturen und aktive Kommunikation.
